Suffizienz oder das Leben mit optimaler Lebensqualität

Leserbrief zur Berichterstattung über den Kantonsrat, SZ/OT/GT vom 6. Juli 2017.

Am vergangenen Mittwoch führte der Kantonsrat eine, wie mir scheint, sehr gehaltvolle Debatte über Suffizienz. Leider ist in der Berichterstattung unserer Tageszeitung kein Wort davon zu lesen. Angestossen hat diese Debatte Kantonsrat Felix Glatz-Böni (Grüne, Bellach). Er wollte mit einer Interpellation wissen, wie die Regierung auf dem Weg zu den beschlossenen Klima- und Energiezielen die Möglichkeiten der Suffizienz besser berücksichtigen will. Mit der Antwort war er nur halbwegs zufrieden: Die Regierung habe zwar auf verschiedene Massnahmen zur nachhaltigen Entwicklung verweisen, aber das unausgeschöpfte Potenzial noch kaum beleuchtet. Kantonsrat Mark Winkler (FDP, Witterswil) war nicht der einzige, der im Wörterbuch nachschlagen musste, was Suffizienz heisst. Das deutsche Verb „ausreichen“ trifft es am besten. Der Begriff steht für eine Lebensweise der Entrümpelung, des Ballast-Abwerfens, der Genügsamkeit und der Freude am Wesentlichen. Das hat viel mit Verhaltensänderung zu tun, aber nicht nur: Die öffentliche Hand kann Strukturen schaffen, damit dem übermässigen und verschwenderischen Verbrauch von Gütern, Stoffen und Energie ein Ende gesetzt wird. Stefan Hug (SP), Gemeindepräsident von Zuchwil, stellte eindrücklich dar, welche Schritte dazu in seiner Gemeinde unternommen werden. Thomas Studer (CVP, Selzach) verdeutlichte, dass heute im Kanton Solothurn die Wälder ganz anders und klüger bewirtschaftet werden als noch vor Jahrzehnten. Sein Parteikollege Peter Brotschi (Grenchen) lenkte die Aufmerksamkeit auf ein selten diskutiertes Thema: Grossveranstaltungen im Sport in immer kürzeren zeitlichen Abständen widersprechen der Suffizienz. Hugo Schumacher (SVP, Luterbach) wehrte sich gegen die Verbote und Verzichtsvorschriften, die mit diesem Vorstoss gefordert würden. Der Interpellant Felix Glatz-Böni konnte ihm diese Deutung sogleich widerlegen: Nirgendwo ist ein Verbot gefordert, vielmehr führt der Weg über Anreizsysteme. Seine Fraktionskollegin Doris Häfliger (Solothurn) brachte es auf den Punkt: Wir haben ein klares Mass für die optimale Lebensqualität unserer und künftiger Generationen: Dieses Mass heisst „eine Erde“. Es sind aber noch viele öffentliche Diskussionen nötig, damit die Bevölkerung mit diesem Grundsatz vertraut wird. Die Tageszeitung hat nun, etwas sarkastisch gesagt, Suffizienz allzu wörtlich genommen und gleich darauf verzichtet, Druckertinte für dieses Thema aufzuwenden. Schade.

Felix Wettstein, Olten, Kantonsrat, Präsident Grüne Kanton Solothurn

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