Nicht nur die Eliten tricksen

Leserbrief an “Schweiz am Sonntag” zum Wochenkommentar „Die Elite duckt sich weg, statt hinzustehen“, abgedruckt am 23. Juni 2018.

Die Machenschaften von Postauto und Raiffeisen dünken mich ein Indiz für eine Haltung, die in der Schweiz sehr verbreitet ist und beileibe nicht nur von Kaderleuten an den Tag gelegt wird. Es sind genau genommen zwei Haltungen, die sich ergänzen. Erstens: Tricksen und „bschisse“ gilt für viele als Teil eines jeden erfolgreichen Geschäftsmodells. Wer nicht mitmacht ist naiv oder wird als Gutmensch verhöhnt. Zweitens: Der Staat sei ein Moloch, er würde das Geld versickern lassen. Darum solle man alles daran setzen, dass man Steuern oder andere Zahlungen an den Staat, also an Gemeinden und Kanton, vermeiden kann. Diese doppelte Geisteshaltung lässt dann zu, dass Dienstleistungen der Grundversorgung, die privat erbracht werden, überteuert sind, um Bilanzen in anderen Geschäftsfeldern aufzupolieren. Sie lässt auch zu, dass viele Menschen in der Schweiz das System der Steuererlasse auf Firmengewinnen gutheissen und es erst noch in Ordnung finden, dass diese selektiven Bevorzugungen der Öffentlichkeit, ja selbst dem Parlament, verborgen bleiben. Von da ist er Weg nicht mehr weit zu persönlichen Bereicherungen, wenn jemand Insiderwissen hat und sich rechtzeitig die richtigen Beteiligungen sichert. Von Unrechtsbewusstsein keine Spur.
Felix Wettstein, Olten, Kantonsrat Grüne

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.