Replik zum Gastbeitrag vom 28. Mai 2026
«Ohne Druck handelt die Politik nicht» von Mathias Binswanger

In seinem Gastbeitrag kommt Mathias Biswanger zum Schluss, die Schweiz könnte auch künftig gezielt etwa 40’000 Arbeitskräfte pro Jahr einwandern lassen, wenn sie die Personenfreizügigkeit mit den EFTA-Raum aufkündigen würde. Diese Zahl, 40’000, liefern ihm die Urheber der Initiative «Keine 10 Millionen-Schweiz»: Sie rechnen vor, dass mit einem Nettozuwachs der Bevölkerung in dieser Grössenordnung die Zahl der Einwohnerinnen und Einwohner bis 2050 unterhalb der ominösen Grenze bleiben würde.

Es ist bedauerlich, dass der Professor für Volkswirtschaftslehre die Fehlannahmen hinter dieser Kalkulation nicht erkennt. Er übersieht dabei mindestens drei Dinge, welche die Entwicklung der Bevölkerungszahl beeinflussen. Erstens die Demografie: Nach wie vor steigt die Lebenserwartung der Menschen in der Schweiz. Der Anstieg verläuft etwas flacher als auch schon, aber immer noch werden wir nach nur gerade 5 bis 6 Jahren im statistischen Durchschnitt ein Jahr älter. Aus der Public Health-Forschung wissen wir: Materieller Wohlstand, Beteiligungsmöglichkeiten und soziale Einbettung sind die wichtigsten Faktoren, die uns länger leben lassen. Das ist schön! Dieser Effekt lässt die Bevölkerungszahl jährlich um 16’000 bis 20’000 Personen ansteigen.

Zweitens vergisst Binswanger die jungen Leute, die an unseren Hochschulen studieren und aus dem Ausland stammen, vor allem aus Deutschland, Frankreich und Italien. In den letzten Jahren waren es jährlich 15’000 bis 20’000 Studieneinsteigerinnen und -einsteiger (Quelle: BFS). Sobald sie mindestens ein Jahr hier wohnen, werden sie zur ständigen Wohnbevölkerung mitgezählt. Zwar kehren die einen wieder zurück oder wandern weiter, aber nicht wenige entschliessen sich dazu, in der Schweiz zu bleiben. Wir alle sind ihnen äusserst dankbar dafür: Die Forschungsabteilungen an den Hochschulen selbst, aber auch die Wirtschaft und die Gesellschaft sind auf sie angewiesen. Sie studieren überwiegend an Disziplinen, in denen der einheimische Nachwuchs einfach nicht reicht. Aber sie zählen noch nicht zu den Arbeitskräften, wenn sie kommen.

Und damit zum dritten Element, welches in der Diskussion fast immer vergessen geht. Selbst unter der Annahme, dass wir das Bruttoinlandprodukt nicht steigern wollen, sondern dass wir die Arbeitsproduktivität bloss halten wollten, schaffen wir das «von innen heraus» nicht. Die Erklärung dafür ist sehr einfach: Zurzeit gehen die «Baby-Boomer» in Pension, mehr als 100’000 Personen erreichen pro Jahr das reguläre Rentenalter. Diese Zahl steigt noch eine Weile weiter an, bevor sie sinken wird. Unter jenen, die aktuell rund 20 Jahre alt sind, haben wir pro Jahrgang zwischen 80’000 und 83’000, die neu «arbeitsmarktfähig» werden. Es braucht nicht viel Phantasie, um zu erkennen, dass nur schon der Erhalt unserer Arbeitsplätze ohne Zuwanderung nicht geht.

Eine der beliebten Deutungen, die zur Zeit kursieren, lautet: Diejenigen, die zuwandern, verursachen den Bedarf nach mehr Arbeitsplätzen im Bau, im Spital, in den Schulen und so weiter. Würden sie nicht kommen, dann wären auch nicht so viele neue Stellen nötig. Viel entscheidender ist jedoch: In den Jahren zwischen 2010 und 2024 hat die Zahl der Arbeitsplätze in der Schweiz anteilmässig deutlich stärker zugenommen als die Bevölkerung! Die Zahl der Arbeitstätigen stieg in dieser Zeit um 22 Prozent, die Vollzeitäquivalente um 21,5 Prozent. Das Bevölkerungswachstum betrug in derselben Zeit «nur» 16,5 Prozent. Wie ist dies zu erklären? Ein wichtiger Treiber der überproportionalen Arbeitsplatzzunahme ist die Tatsache, dass die Schweiz fast jeden zweiten Franken mit dem Expert verdient. Die entsprechenden Branchen wachsen denn auch überdurchschnittlich. Das wiederum hat sehr stark mit der Steuerpolitik zu tun: Die Schweiz hat viel tiefere Gewinnsteuern als alle Wirtschaftszentren um sie herum, und zudem schafft sie immer wieder Steuerprivilegien. Sie ködert Grossanleger, indem Erlöse aus Dividenden nicht vollständig zu versteuern sind.

Auch ich gehöre zu denen, die finden, weniger schnell wachsen wäre alleiweil gut genug. Wenn wir uns ernsthaft darauf verständigen können, dass die Schweiz nicht so schnell wachsen soll wie in den letzten Jahren, dann muss sie sicher nicht die Menschenrechte unterlaufen und sicher nicht die Beziehungen zu den Nachbarstaaten aufs Spiel setzen, wie es die 10-Millionen-Deckel-Initiative fordert. Vielmehr muss sie die Steuerprivilegien abschaffen, statt das Steuerdumping ständig noch zu befeuern. «Braucht die Schweiz weiterhin ein Wachstum des BIP?» war die erste von vier Fragen von Mathias Binswanger. Seine Antwort ist «ein klares Ja». Meine Antwort darauf: Lassen wir doch den Gedanken zu, dass das BIP pro Kopf gar nicht wachsen muss. Es könnte Lebensqualität bedeuten.

 

Felix Wettstein, Olten, war 2019 bis April 2026 Nationalrat der Grünen. Er ist emeritierter Professor der Fachhochschule Nordwestschweiz.

Link zum Abdruck in der Tageszeitung vom 1.6.2026:

Felix Wettstein zu vergessenen Faktoren im Bevölkerungswachstum