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Gastautor: Mit oder ohni? 

Der Sommer 2026 gibt Durst, sehr viel Durst. Wir alle kennen es: Wenn wir an der Theke oder im Restaurant ein Mineralwasser bestellen, dann folgt unmittelbar die Frage: «Mit oder ohni?» Meine nicht systematischen Beobachtungen sagen mir, dass wir es bei den Antworten auf diese Frage mit einem doppelten Graben zu tun haben: dem Stadt-Land-Graben und dem Generationengraben.

Wenn ich in einer Landbeiz vom Nebentisch her höre «För mich es Mineral», dann ist fast sicher, dass es eines mit Kohlensäure sein wird. Ganz anders in der Ausgehmeile einer Stadt: Wer da ein Mineralwasser «mit» bestellt, erntet erstaunte oder mitleidige Blicke: «Aha, Sie wettet eis mit?» In diesem Moment hilft der oder dem Durstigen ein gesundes Selbstbewusstsein. «Der kommt wohl vom Land», wird zwar nicht laut ausgesprochen, lässt sich aber den Blicken entnehmen.

Zweifellos ist es auch eine Altersfrage. Die klare Mehrheit der gesetzteren Semester bestellt Mineralwasser mit Kohlensäure, die jüngeren eher ohne. Und wenn mich meine Beobachtungen nicht täuschen, gibt es einen deutlichen Zusammenhang zwischen dem bestellten Wasser und dem Getränk, das auf die Mahlzeit folgt. Dem «Kafi crème» ging sehr oft ein Mineralwasser mit Kohlensäure voraus. Unter jenen, die zuvor «Mineral ohni» orderten, sind die Vorlieben breiter verteilt: Die einen wollen gar nichts, ein paar wollen Tee, die Mehrheit will Espresso.

Wenn ich sehe, wie viel Mineralwasser ohne zugesetztes Gas in Flaschen abgefüllt durch die Lande gekarrt wird, manchmal hunderte von Kilometer weit, manchmal sogar über Landesgrenzen, bis es seinen Zweck erfüllen und den Durst löschen darf, dann macht mich das schon nachdenklich. Bei uns am Jurasüdfuss enthält das Leitungswasser viele Mineralstoffe. Die Messungen zeigen, dass der Mineraliengehalt teilweise sogar höher, jedenfalls mindestens gleich hoch ist wie bei zahlreichen abgefüllten Wässern.

Ich weiss nicht, ob jemals eine Ökobilanz erstellt wurde: Ein Liter weitgereistes «Mineral ohne» im Verhältnis zu einem Liter Hahnenwasser. Ich schätze mal, dass Leitungswasser einen um den Faktor 97 kleineren Fussabdruck hat. Warum tun wir uns so schwer, in der Beiz ganz einfach «Hahneburger» zu bestellen? Selbstverständlich ist es opportun, dass mir für ein Glas Wasser etwas berechnet wird, denn schliesslich werde ich bedient.

Doch halt! Es gibt ein grosses Aber. Unsere Gewissheit, dass das Hahnenwasser in der Schweiz überall hervorragend sei, wird gerade erschüttert. Vor kurzem wurde die Qualität des Leitungswassers an 28 Orten in der Schweiz gemessen. Das Ergebnis ist laut der Zeitschrift «Saldo» ernüchternd: Im Mittelland ist die Belastung mit Pestizidrückständen und mit Nitrat fast überall bedenklich. Besser ist die Situation im Berggebiet, wenn Quellwasser angezapft werden kann.

Felix Wettstein fordert, dass das Wasser aus dem Hahn ebenso frei von Pestizidrückständen gehalten wird wie das Mineralwasser.

Felix Wettstein fordert, dass das Wasser aus dem Hahn ebenso frei von Pestizidrückständen gehalten wird wie das Mineralwasser. 

Symbolbild: Keystone/Walter Bieri

Einer der Messorte war Olten, und sowohl bei den Pestiziden als auch bei den Nitraten lag Olten auf dem schlechtesten Platz. Sollen wir also doch Mineralwasser aus den Alpen heranschleppen statt Leitungswasser zu trinken?

Nein, das wäre die verkehrte Schlussfolgerung. Wir müssen uns dafür starkmachen, dass aus unseren Wasserhähnen wirklich unbedenkliches Wasser sprudelt. Wir müssen fordern, dass im Einzugsgebiet unserer Wasserversorgung keine belastenden Pestizide und PFAS mehr ausgebracht werden dürfen. Wir müssen fordern, dass der Nutztierbestand so gross ist, wie das einheimische Grasland hergibt, aber nicht grösser. «Mit oder ohni?» In dieser Hinsicht fällt uns die Antwort leicht: Unbedingt ohne! Ohne giftige Rückstände. Pur luuter.

Felix Wettstein, Alt-Nationalrat Grüne.

Felix Wettstein, Alt-Nationalrat Grüne. 
Mag es gerne prickelnd.

Bild: Simon von Gunten

Redaktions-Kurzeinführung: Gastautor Felix Wettstein misst das Wasser, das die Leute im Restaurant bestellen, an seinem Gewissen. Er fragt sich, wie Transportwege und Schadstoffrückstände sich gewichten lassen und wie es um das Hahnenburger in seiner Heimatstadt steht. Die erste Kolumne des Alt-Nationalrats aus Olten.