Werte statt Wursteln: Mein Zukunftsblick
Das wird ein sehr persönlicher Text. Er wird nicht bei allen auf ungeteilte Zustimmung stossen. Umso mehr ist mir daran gelegen, dass wir miteinander um die Vorstellung ringen, was unsere Welt zu einer noch besseren Welt macht. Und ja, unser Land zu einem noch besseren Land.
Es ist üblich, es ist in Mode gekommen, eine Rede oder einen Artikel mit folgendem Satz einzuleiten: «Die Welt befindet sich zur Zeit in einer tiefgreifenden und multiplen Krise». Die Multikrise als Aufhänger für den Blick in die Zukunft? Ich bin da etwas ambivalent.
Wenn ich auf der Strasse, im Zug oder auf einem Wanderweg unterwegs bin, wenn ich im Coop bin oder im Restaurant oder im Kino, dann fällt mir auf: Die Menschen sind unglaublich nett. Ja! Sie sind freundlich, sie sind in passenden Momenten geduldig und hilfsbereit, dabei nicht aufdringlich, aber zutiefst wohlgesinnt. Gewiss, es gibt jene, die fies, lästig oder sogar bedrohlich sind. Aber es bleiben Ausnahmen. Das Gesamtbild ist Empathie und Wohlwollen. Wenn ich darüber nachdenke, habe ich das Gefühl, dass wir mit unseren Wesenszügen die besten Voraussetzungen haben, unsere Welt zu einer noch besseren Welt zu machen.
Am 27. April 2026 gibt das Stockholmer Friedensforschungsinstitut SIPRI bekannt: Im letzten Jahr sind zum elften Mal nacheinander die weltweiten Rüstungsausgaben gestiegen. Sie betragen inzwischen 2,9 Billionen US-Dollar! Diese Zahl übersteigt unser Vorstellungsvermögen: Zweitausendneunhundert Milliarden Dollar. Die Rüstungsausgaben steigen überall auf der Welt. In Europa betrug die Steigerung 40 Prozent.
Was beim Ruf nach Aufrüstung völlig ausgeblendet wird: Damit entfernen wir uns rasant vom Klimaziel «Netto-Null bis 2050»! Die Produktion von Rüstung ist mit dem Verbrauch von sehr viel fossile Energie verknüpft. Der «Betrieb» (Trainings inbegriffen) sowieso: Kampfflugzeuge, Panzer, Raketen, Raketenabwehr, Kriegsschiffe, Transporte per Lastwagen und durch die Luft – alles baut auf fossiler Energie; Alternativen sind nicht in Sicht.
Begründet wird die massive Aufrüstung damit, dass die Welt unsicherer geworden sei. Die Antwort fast aller Staaten und Regierungen auf wachsende Unsicherheit ist: Wir brauchen mehr Rüstungsgüter! Sicherheit wird gleich gesetzt mit Bewaffnung. Die waffenproduzierenden Firmen haben übervolle Auftragsbücher und machen riesige Gewinne. Zudem steigen die Stückpreise, wie bei jedem knappen Gut. Das wiederum ermöglicht den produzierenden Staaten, die von ihnen abhängigen Länder zappeln zu lassen: Hohe Vorauszahlungen, Missachtung früherer Preisvereinbarungen, Verschiebung der Lieferzeitpunkte um Jahre, ohne konkretes Datum. Das abhängige Land Schweiz erlebt dies gerade im Verhältnis zu seiner wichtigsten Rüstungsliefernation USA. Gleichwohl halten Regierung und Parlamentsmehrheit daran fest: Bis 2032 müssen «wir» die Rüstungsausgaben verdoppeln. Mehr Sicherheit gleich mehr Bewaffnung.
Gleichzeitig sind es fast immer Waffen, welche die Unsicherheit und Bedrohung auslösen. Die Waffen der Feinde. Das gilt überall auf der Welt. Alle legitimieren das Wettrüsten damit, dass sie bloss abwehren wollten, was an feindlichen Brigaden und Waffen anrollt und (zunehmend) angeflogen kommt. Es gilt, «den Feind» zu vernichten. Mit dem Singularwort «der Feind» trichtern wir uns ein, dass wir nicht genauer darüber nachdenken müssen, um wen es sich handelt.
Wir würden es schon wissen: Es sind die freundlichen und wohlwollenden Menschen, die uns in der Migros, im Bus oder im Fussballstadion begegnen könnten. Es sind die Menschen, die fähig sind, empathisch zu sein. Zusammen hätten wir die Fähigkeit, Konflikte – die es nun mal geben kann – auf vielfältige Art und jedenfalls ohne Waffen anzugehen und meistens auch zu bereinigen. Wir müssten es nur tun. Wir müssten es uns selbst und dem Gegenüber zutrauen. Meistens beginnt es mit einer Frage.
Wertebasiert statt machtbasiert
In jüngerer Zeit hören wir oft, es sei komplizierter geworden, weil die Erde nicht mehr bipolar, sondern multipolar sei. Bipolar war sie in der Zeit das Kalten Krieges: Der Westen gegen den Osten, die Vormachtstellungen der USA und der Sowjetunion, Demokratie gegenüber Kommunismus (diktatorischem Staatssozialismus), NATO gegen Warschau-Pakt; Ausdehnung der entsprechenden Einflusssphären in den afrikanischen, südamerikanischen, asiatischen Staaten; «Gleichwicht des Schreckens» angesichts des Atomwaffen-Arsenals, das die Welt mehrfach vollständig in Schutt und Asche legen könnte.
Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks kamen zumindest gewisse Analysen zum Schluss, dass es nun weltweit nur noch eine Supermacht gäbe, die USA. Inzwischen wird allerdings meistens von einer multipolaren Welt gesprochen: China als Wirtschafts- und Militärmacht, daneben die stark schwindende Wirtschaftspotenz von Russland, die aufstrebenden und erstarkten Staaten wie Indien, Brasilien, Südafrika. Multipolar heisst vor allem: Wechselnde Allianzen, je nachdem, was in einer konkreten Angelegenheit nützt. Es muss aus Sicht jedes Landes zu seinem Vorteil sein («Me first»). Und es wird insbesondere für kleinere Staaten schwieriger, sich zu orientieren: Wo mitmachen, wo nicht?
Die NATO ist ein Kind der bipolaren Machtverteilung. Ich bin sicher, sie wird in Zukunft noch stärker erschüttert werden, nicht nur, weil der amerikanische Präsident alles daransetzt, West- und Mitteleuropa klein zu halten und zu destabilisieren, damit seine Macht scheinbar wächst. Die Vorstellung der gemeinsamen militärischen Verteidigung und Drohkulisse über den Nordatlantik hinweg passt nicht mehr ins Gefüge der Welt.
Mir fällt auf: Sowohl das Bild der bipolaren als auch dasjenige der multipolaren Welt gehen davon aus, dass es um die Verteilung von Macht geht. Im Zentrum steht die Frage: Gibt es ein einziges Machtzentrum, oder zwei, oder mehrere mit wechselnden Konstellationen? Fortschritt scheint aus zwei Dingen zu bestehen: a) Mächtige wollen ihre Macht vergrössern; b) alle übrigen wollen klären, welcher Machtsphäre sie sich anschliessen – vielleicht dauerhaft, vielleicht temporär. Letztlich ist dabei nicht relevant, ob ein Land eher demokratisch oder autokratisch geführt wird. Aber es ist offensichtlich, dass die Prinzipien der Demokratie und der Gewaltenteilung den Machtansprüchen im Weg stehen, egal ob bipolar oder multipolar.
Ich stelle dieser machtbasierten Weltsicht eine andere gegenüber: Eine wertebasierte Weltsicht. Die Werte, um die es hier geht, heissen Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, Völkerrecht, Chartas der UNO und zahlreiche darauf aufbauende Wertesysteme. Für mich ist klar, dass es universelle Werte gibt, welche für alle Menschen gelten und die im Grunde auch von allen Menschen eingefordert werden. Von den Menschen im Zug, im Schwimmbad, auf der Skipiste, auf dem Trottoir.
Und das scheint mir der springende Punkt für die Schweiz in der Welt: Wir finden überall Verbündete im Bestreben, die universellen Werte zur obersten Richtschnur unseres Zusammenlebens und Handelns zu machen. Wir finden sie auch in den Ländern mit den schlimmsten Terrorregimes. Natürlich ist das nicht einfach. Wir müssen aushalten, dass Meinungsfreiheit brutal unterdrückt wird, dass Menschenleben nichts wert sind. Wir müssen Zwischenetappen anpeilen, zum Beispiel Verbündete gewinnen, die ausserhalb ihres Heimatlandes am Widerstand arbeiten. Das Wort «Widerstand» sagt es aus: Es braucht Kraft. Diese wird dafür eingesetzt, den Werten zum Durchbruch zu verhelfen, und nicht dafür, die eine Macht gewaltsam durch eine andere Macht abzulösen.
Der Platz der Schweiz
Ich glaube nach wie vor, dass die Schweiz ein Land sein könnte, das auf militärische Bewaffnung vollständig verzichten könnte. Ja, auch jetzt, wo «die Welt nicht mehr die gleiche ist wie vor ein paar Jahren» (auch so ein berühmter Einleitungssatz). Bevor jetzt alle ent-rüstet «Ja, aber» rufen: Es würde überhaupt nicht heissen, dass die Schweiz nichts in den Händen hätte! Sie hätte sehr viel in den Händen.
Es ist anstrengend, es benötigt viel Kompetenz, Innovationsgeist, viel Geduld und auch viel finanzielle Mittel, wenn wir Sicherheit für die Welt wollen, ohne dass wir auf die gegenseitige Abschreckung mit Waffen setzen. Unser Land ist reich. Unser Land ist innovativ. Unser Land hat einen hohen Bildungslevel und damit die Voraussetzungen, die Kompetenzen aufzubauen. Unser Land ist klein und gleichzeitig so vernetzt mit der Welt wie wenige andere. Diese Eigenschaften zusammen prädestinieren uns, andere Antworten auf die Frage nach mehr Sicherheit zu suchen als ein Mitmachen am Wettrüsten. Am schwierigsten tun wir uns vielleicht mit der Geduld, denn es wird Umwege und Rückschläge geben. Immerhin seien wir ja – gemäss Bundesrat Cassis – gut im «Durchwursteln». Auch wenn darin die Tugend der Geduld aufzuschimmern scheint: Ich finde die «Wurstel»-Strategie absolut falsch! Sie ist allein darauf ausgerichtet, die eigenen (wirtschaftlichen) Interessen zu wahren: «Me first». Das haben mehrere Bundesratsmitglieder bekräftigt. Damit verabschiedet sich die offizielle Schweiz von einer prinzipientreuen, wertegeleiteten (Aussen-)Politik und entscheidet sich für eine egoistische Interessenpolitik. Das macht sie nicht glaubhafter, im Gegenteil. Es wäre gerade jetzt, mit Blick auf das, was in Iran und im Libanon angerichtet wird, entscheidend, Völkerrechtsverletzungen unmissverständlich beim Namen zu nennen.
Oft wird behauptet, die Schweiz könne nicht in dieser Weise Klartext reden, weil sie z.B. ein Schutzmachtmandat habe und darum Rücksicht nehmen müsse. Das halte ich für einen Irrtum. Zweifellos trifft zu, dass wir einige Erfahrungen mit der Diplomatie, mit der Vermittlung zwischen verfeindeten Kräften haben. Das darf jedoch kein Widerspruch zur klaren Orientierung an den Werten sein! Die Schweiz hat noch viel mehr in den Händen: Ich erinnere an ihr humanitäres Engagement in der Welt, oder an ihre Expertise in Minenräumung. Ich erinnere an alle Organisationen, die wir mittragen und die wir noch mehr als bisher mitprägen könnten: Vereinte Nationen, Europarat, OSZE und weitere. Ich denke an die Bemühungen, international noch mehr Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit herzustellen: Die Umsetzung der 17 Ziele der Nachhaltigen Entwicklung (SDG’s), die Weiterentwicklungen auf Basis der Menschenrechtserklärung, z.B. Kinderrechte, Rechte der Menschen mit Behinderung, Geschlechtergleichstellung, Rechte der Geflüchteten, Schutz der Arbeitnehmenden.
Wir alle kennen das Sprichwort, das dem römischen Militärschriftsteller Vegetius (um 400 n. Chr.) zugeschrieben wird: «Wenn du den Frieden willst, bereite den Krieg vor». Offenbar wurde der Gedanke sinngemäss bereits vom berühmten griechischen Philosophen Platon geäussert. Ich wage den Widerspruch trotzdem: «Wenn du den Frieden willst, bereite den Frieden vor».
Am Tag meines Rücktritts aus dem Nationalrat, am 25. April, war Manuel Stahlberger mit seinem aktuellen Programm «Es geht» im Theaterstudio Olten zu Gast. Es war ein wundervoll berührender Abend voller Menschlichkeit. Der Schlusssatz, im reinsten St.-Galler Dialekt vorgetragen, lautete: «Mir söttet alli zämehebe und luege, dass mer d’ Welt nid nume de Grössewahnsinnige überlönd.»
Zum Weiterhören und Lesen:
Regeln halten die Welt zusammen. Artikel des spanischen Ministerpräsidenten Pedro Sànchez in «Le Monde Diplomatique», 9.4.2026. zum Artikel
Pazifismus – mehr als moralisches Heldentum. SRF Sternstunde Philosophie, April 2023: Pazifismus – mehr als moralisches Heldentum
Podcast «Weiter Denken» von Maja Göpel (kann abonniert werden: https://www.mission-wertvoll.org/neu-denken-podcast/). Oder ihre Instagram-Bildfolge zu Anstand. Überhaupt empfehle ich, sich auf den eigenen social-Media-Kanälen mit Maja Göpel zu verbinden: https://www.maja-goepel.de/