Die Pharma trotzt – und streicht ein
«Die Schweiz erzielt dank der Pharma einen Exportrekord». Die Kurznachricht in der Tageszeitung CH-Media vom 30. Januar dieses Jahres liess mich aufhorchen. Wie ist das möglich in einer Zeit der Zollkapriolen jenseits des Atlantiks, nach einer mehrmonatigen Abstrafung der Schweiz mit 39% Zöllen? Wie ist es erst recht möglich, wenn die Nachricht gleich nebenan den Titel trägt «Uhrenindustrie leidet unter Donald Trump»?
Die Information zum Exportrekord kommt vom Staatssekretariat für Wirtschaft SECO und ist zweifellos vertrauenswürdig. In einem Jahr der weltweiten Verwerfungen aufgrund des «Zollhammers» legt der schweizerische Aussenhandel um 1,4 Prozent zu und erreicht ein Volumen von 287 Milliarden Franken – neuer Rekord! Fast ebenso unglaublich ist, dass mehr als die Hälfte davon, nämlich 152 Milliarden Franken, von einer einzigen Branche erzielt wurde: Chemie-Pharma. Ihre Steigerung im letzten Jahr war zudem überdurchschnittlich.
Gleichentags in derselben Zeitung auf der Wirtschaftsseite: «Roche trotzt Trump. Der Druck aus den USA bremst den Konzern kaum.» Wir erinnern uns, dass der amerikanische Präsident (bevor ihn die Gerichte zurückpfiffen) die drakonische Zollerhöhung gegenüber der Schweiz unter anderem mit den hohen Schweizer Pharmaexporten in die USA begründete. Er drängte auf «Deals», damit unsere weltführenden Pharmafirmen die Preise senken mussten. Das geschah, wenn auch bisher in kleinem Rahmen.
Naiverweise würde ich erwarten, dass sich das in Form eines gedämpften Jahresergebnisses niederschlägt. Doch die Firma Roche darf vermelden, dass sie ihren Umsatz im vergangenen Jahr um sieben Prozent auf 61,5 Milliarden Franken steigern konnte (zum Vergleich: der gesamte Bundeshaushalt beträgt etwa 82 Milliarden). Das führte zu einen schwindelerregenden Gewinn von 13,7 Milliarden Franken – das sind 22,3 Prozent des Umsatzes! Roche-Chef Thomas Schinecker drohte dann auch noch unverhohlen damit, dass man den Preis eines neuen Medikaments gegen Brustkrebs in der Schweiz sehr viel höher ansetzen «müsse», um die US-Zölle aufzufangen. Wenn dies nicht zustande käme, würde man dieses «revolutionäre» Brustkrebsmedikament zurückhalten und erst noch in Basel Stellen abbauen müssen. Man reibt sich die Augen ob so viel Erpressungsgeist.
Eine Woche später veröffentlicht auch Novartis die Zahlen zum Jahresabschluss. Ihr Chef, Vas Narasimhan, sei bestens gelaunt vor die Presse getreten, konnten wir lesen. Bei seiner Firma stieg der Umsatz sogar um 8 Prozent auf 54,5 Milliarden Dollar (etwa 44 Mrd. Franken), der Reingewinn bei 13,9 Milliarden Dollar – das sind sogar 25,5 Prozent des Umsatzes! Die Zugeständnisse bei den Preisen in den USA hatten bloss einen geringen Effekt. Der Novartis-Chef hatte noch einen weiteren Grund zum Strahlen: Sein Lohn ist nun bei 24,9 Millionen angelangt…
Da die erwähnten Firmen ihren Hauptsitz in der Schweiz haben, können wir alle frohlocken, weil diese Konzerne (die anderen Pharmafirmen und viele Zulieferbetriebe ebenfalls) hohe Gewinnsteuern abliefern. Doch ich frage mich: Können wir wirklich frohlocken?
Wer bitteschön macht diese Gewinne möglich?
Inzwischen wissen wir aus dem Arzneimittelreport der Krankenkasse Helsana, dass die Krankenversicherten in der Schweiz im Jahr 2024 rund 9,4 Milliarden Franken für Medikamente ausgegeben haben. Das sind 996 Franken pro Person! Auch das ein neuer Rekord. Inzwischen ist die 1000er-Marke sicher schon geknackt worden.
Gerundet sind es 10 Prozent der gesamten Kosten für das Gesundheitswesen, welche für Medikamente eingesetzt werden. Pharmasuisse weist gerne darauf hin, dass dieser Anteil seit längerer Zeit etwa konstant sei. Allerdings wurden im Rahmen der Kostendämpfungspakete des Bundes mehrmals Massnahmen gezielt zur Verbilligung von Medikamenten umgesetzt. Da müsste man eigentlich annehmen, dass nicht nur das einzelne Medikament günstiger wird (was es zum Teil tut), sondern dass der Kostenanteil der Arzneimittel am gesamten Aufwand des Gesundheitswesens abnehmen müsste!
Doch die Kosten steigen im Gleichschritt zu den Behandlungskosten insgesamt. Als Erklärung wird gerne die alternde Bevölkerung bemüht, aber das ist nicht die Erklärung. Viel entscheidender dürfte sein, dass neu eingeführte Medikamente sehr teuer sind. Gemäss dem Helsana-Report haben sich die Einstiegspreise neuer Medikamente in zehn Jahren fast verdoppelt. Der Landesindex ist in dieser Zeit nur wenig gestiegen. Der Report konnte weiter zeigen, dass neue Medikamente nur selten wirkliche Innovationen sind. Viel öfter würden alte günstigere Medikamente durch neue teurere ersetzt, obwohl die neuen praktisch gleich wirken. Und nach wie vor ist das Potenzial von Generika bei weitem nicht ausgeschöpft: Ihr Anteil ist in der Schweiz viel kleiner als in anderen Staaten.
Noch anderes wirkt kostentreibend, ohne dass die Preise erhöht werden. Die Mengen nehmen zu! Inzwischen haben fast sieben Millionen Menschen in der Schweiz mindestens ein verschreibungspflichtiges Medikament (ich gehöre zu den anderen zwei Millionen). Auch das hat stark zugenommen. Und noch stärker steig die Zahl der abgegebenen Medikamente: Im Durchschnitt erhält jede Person, die in Behandlung ist, 20 Packungen pro Jahr.
Anders herum gedacht: Wenn es der Politik gelingt, bei den Medikamenten (oder bei anderen medizinischen Hilfsmitteln) gewisse Preissenkungen durchzusetzen, dann wird der Effekt gleich wieder kompensiert durch höhere Mengen für mehr Empfänger*innen. Dass in letzter Zeit oft gewarnt wird, es gäbe von vielen Arzneimitteln keinen Nachschub mehr, wir hätten Medikamentenmangel, weil zu wenige produziert würden, erscheint in einem ganz neuen Licht.
Damit zurück zu den grossen Pharmakonzernen à la Roche und Novartis mit ihren Gewinnen im Umfang von bis zu 25 Prozent des Umsatzes. Die Rechtfertigung ist immer der hohe Forschungsaufwand und der Entwicklungsdruck, weil nach Ablauf der Patente (und damit Senkung der Preise) rechtzeitig neue Produkte bereitstehen müssten. Doch die Verhandlungsmacht der Grossunternehmen bei den Preisfestsetzungen ist gewaltig. Es zahlen ja schliesslich die Versicherungen (plus die Privatpersonen via Franchise, Selbstbehalt und Zusatzversicherung).
Klar erzielen die Konzerne ihre Gewinne weltweit. Aber wir dürfen wohl annehmen, dass die Margen in unserem Land nicht unterdurchschnittlich sind. Wenn die Versicherungen also 9,4 Milliarden für die Medikamente bezahlen, dann gehen etwa 2 Milliarden davon in die Gewinne der Pharma und an ihre Aktionäre. Wenn die Grossfirmen statt 25 Prozent «nur noch» 10 Prozent Gewinne machen würden, dann würden dieselbe Menge Medikamente noch etwa 8,3 Milliarden kosten.
Ja ich weiss, ich bin naiv und verstehe nichts von Ökonomie.